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Dr. Beate Marks-Hanßen – Äußerungen des Selbst, Gedanken zum Werk Max Fischers

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Dr. Beate Marks-Hanßen – Äußerungen des Selbst, Gedanken zum Werk Max Fischers

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Bereits seit den sechziger Jahren ist Max Fischer als bildender Künstler tätig, er hat bis heute ein souveränes, höchst komplexes malerisches Œuvre geschaffen und kann auf viele erfolgreiche Einzelausstellungen sowie Beteiligungen an Gruppenausstellungen zurückblicken. Seine Malerei wurde inspiriert von den variationsreichen Spielarten der gegenstandslosen und abstrakten Kunst, vor allem vom Informel. Paris war in der unmittelbaren Nachkriegszeit, in den späten vierziger Jahren, Geburtsort dieser Kunstrichtung. Dort arbeitende Künstler wie Jean Fautrier und Hans Hartung negierten den gezielten Aufbau einer auf Farben und Formen basierenden Komposition, sondern favorisierten den individuellen, spontanen, ungesteuerten Malprozess. Sie, vor allem aber die deutschen Maler Emil Schumacher und Ernst Wilhelm Nay begeisterten den jungen Max Fischer. Ihre Werke beeinflussten maßgeblich seine künstlerische Entwicklung. Aber auch der wilde, abstrakte Expressionismus Willem de Koonings, die archaische, düstere Zeichenwelt von Pierre Soulages und die Farbvirtuosität August Mackes  – dessen Bilder den Künstler in seiner Jugend überhaupt erst zur Auseinandersetzung mit der Kunst brachten – finden ihren Widerhall in  seinen Arbeiten.

Grundsätzlich ist Fischer ist immer der vom Gegenständlichen befreiten, zumeist die greifbare Form gänzlich auflösenden künstlerischen Malweise verbunden geblieben, die den Betrachter zu Augen-Wanderungen über und in das Bild einlädt. Der Künstler praktiziert eine aus vielen Schichten aufgebaute Materialarbeit, in der sowohl der Malgrund und dessen Format als auch das Verhalten der – zum Teil mit Terpentin stark verdünnten – Farbe und der beigemischten Stoffe (wie synthetische Putze, Sand oder Bitumen) die Entstehung und die endgültige Wirkung mitbestimmen. So können ganz unterschiedliche Effekte erzielt werden: große Tropfen, Schlieren und Kleckse oder körnige Strukturen, die mit glatteren, mit Pinsel, Spachtel oder Rolle bearbeiteten Bildteilen kontrastieren, dicke, pastose Farbschichten und dünne, durchscheinende Lasuren.

Die reine Materialität steht im Vordergrund, Konturen und Linien sind lediglich sekundäre Teilaspekte. Das Arbeiten mit sich immer wieder überdeckenden Farben, die je nach Schichtung eine andere Qualität und unterschiedliche Resonanzen entwickeln, ist für Max Fischer eine Suche, ein Schaffensprozess und Kampf, der Freudiges, aber auch Zerstörerisches und Schmerzhaftes enthält. Er selbst drückt es so aus: „Der Prozess ist der Weg und der Weg ist der Prozess“. Durch das Über-Malen bereits entstandener Oberflächen ist der Künstler also immer wieder im Dialog mit dem Kunstwerk, dem Malgrund und den Malmitteln –  und mit dem eigenen Selbst. Es entsteht eine unmittelbare, emotionale Beziehung zwischen Künstler und Farbe, ein komplexes Beziehungsgeflecht zwischen den einzelnen Bildlagen und -segmenten. Je nach Dauer des Malprozesses – in Einzelfällen kann er sich über mehrere Jahre hinziehen – können so viele Farbschichten einander überlagern, dass das endgültige Werk zum Relief, zu einem räumlichen, dreidimensionalen Bild-Objekt wird.

In den letzten zehn Jahren hat sich in Max Fischers Bildern eine neue Leichtigkeit und eine lichte, etappenweise auch glühende oder intensive  kontrastierende Farbigkeit Bahn gebrochen.

In den zartfarbigen Gemälde dominieren helle Farbtöne wie luftiges Blau, zartes Grün, pastelliges Gelb und Rosé in der abschließenden Deckschicht. Sie strahlen Ruhe und Gelassenheit aus, und doch scheint die Vitalität darunter liegender, kräftiger Farben durch, auch wenn der Betrachter sie manchmal nur erahnen kann. Auch wenn kein Bildmotiv da ist, fühlt man sich auf Grund der Farben und der organisch anmutenden Strukturen in einigen Arbeiten erinnert an die Frische der Natur, an den Wind, das Meer, an einen Garten. Der Garten Claude Monets in Giverny kommt in den Sinn. Das liegt nahe, denn mit seinem Spätwerk wurde dieser Maler – insbesondere mit seinen Seerosen-Bildern – zu einem Vorläufer und Vorbild der informellen Künstler.

Immer wieder findet Max Fischer die Impulse für seine Werke in fremden Ländern, in den Mythen und Spuren vergangener Zeiten und Kulturen. Reisen nach Ägypten und Kreta haben ihn zu Bildserien angeregt, das Licht und die Farbigkeit des Südens haben ihn inspiriert.

In anderen Werkgruppen arbeitet der Künstler mit kräftigen, leuchtenden Farben wie Pink, Knallgrün, Orange und Rot – und partiell mit extremen Farbkontrasten. Diese Arbeiten faszinieren sowohl als Einzelwerke, als  auch im Zusammenspiel, denn bildübergreifend werden Transformationen von der Dominanz einer Farbe zur anderen entwickelt. Es formen sich Übergänge von intensiven Farb-Passagen unmittelbar neben fast weißen Flächen zu Pastelltönen, die durch die mit dem Spachtel erzeugte Vermischung der Farben entstehen. So ergeben sich lose Zusammenhänge, sozusagen als „informelles Diptychon oder Triptychon“.

Wieder andere Bilder sind ebenfalls durch eine intensivere Farbigkeit gekennzeichnet, in denen sich die abschließende und doch gleichzeitig öffnende Schicht eher wie ein geometrisierendes Gitter verhält. Dieses gibt den Blick auf größere Zonen der darunter befindlichen leuchtenden, warmen Farbfelder und –flecken frei und ordnet den Bildraum. Die oberste, meist ganz helle Farbschicht überspannt als ordnende Struktur die hervor blitzenden farbigen Erlebnismomente. Es zeigen sich Fenster in eine virtuelle Tiefe des Bildraumes.

Dies sind die „strukturalen“ Arbeiten Fischers, denen jene gegenüber stehen, die durch einen sehr dynamischen, gestischen Pinselduktus gekennzeichnet sind. In jenen Werken werden auch die Hell-Dunkel-Kontraste stärker, und es gewinnen – neben Schwarz – die Grundfarben Rot, Blau und Gelb an Bedeutung.

In Max Fischers Werken kann die dunkle und/oder helle Seite des Lebens erspürt werden. Er öffnet, wenn auch geheimnisvoll bleibend, Fenster zum Inneren. Es sind Bilder, die aus der Erinnerung und dem Unbewussten gespeist werden, aus dem Flüchtigen, Ausschnitthaften, Vergangenen. Als vielschichtige Selbstäußerungen des Malers sie lassen sich nicht auf die Schnelle erfassen, trotz ihrer auf den ersten Blick schon anziehenden Ästhetik. Sie enthüllen ihre malerische Komplexität und ihre Bedeutungsebenen nur dem, der bereit ist, beständig neue Details zu entdecken und auf sich wirken zu lassen.

Der Künstler selbst ist ein Reisender, ein Suchender, der sich von seinem Ausgangspunkt entfernt, aber immer wieder auch innehält, zurückblickt, Altes aufgreift und zu Neuem umformt, sich hinterfragt, entwickelt und verändert. Der Philosoph Arthur Schopenhauer, mit dem sich Fischer intensiv auseinandergesetzt hat, hat geschrieben: „Die Kunst ist in jedem ihrer Werke die jederzeit in sich vollendete Repräsentation des Ganzen.“  Dieser Satz gilt unbedingt für die Werke Max Fischers, denn die Suche nach der Erkenntnis des „tieferen Sinns“, nach dem Metaphysischen bildet den Antrieb für seine Arbeit(en).

Dr. Beate Marks-Hanßen,
Kunsthistorikerin, Freie Kuratorin und Kunstvermittlerin


Expressions of Self – Reflections on the Work of Max Fischer

Since the 1960s Max Fischer has been working as a painter and to date has created a superior, highly complex oeuvre of paintings. He can look back on numerous successful solo exhibitions or participations in group shows. Various tendencies of non-figurative painting and abstract art, especially Informalism, influenced his paintings. In the immediate post-war era, in the late 1940s, Paris became the birthplace of this art movement. Artists working there such as Jean Fautrier and Hans Hartung rejected the predefined composition of form or structure preferring the individual, spontaneous, accidental painting process. They, especially the German artists Emil Schumacher and Ernst Wilhelm Nay, mesmerized the young Max Fischer. Their artworks had a lasting effect on his artistic development. Equally, the wild, abstract expressionism of Willem de Kooning, the archaic, bleak world of Pierre Soulages and the wealth of colors employed by August Macke – whose paintings in the first place made the adolescent Max Fischer to engage in a dialogue with art- are captured in his artworks.

Fundamentally, Fisher has always been attached to a painting style freed from the figurative, typically dissolving concrete shapes completely that invites the viewer to rove the eyes across the painting and look into it. The artist focuses on applying many layers of paint. Both the ground of the painting, its format and the behavior of the colors – partly diluted with turpentine-and their added substances (such as plasters, sand and bitumen) determine the formation and the final impact. In that way diverse results can be achieved: big blobs of paint, striations, drops or grainy textures contrasting with the smooth parts of the painting worked on with brushes, spatula and rollers, thick pastose layers and thin, translucent varnishes.

The pure material nature is paramount, outlines and lines are only secondary. Working with layers and layers of colors that develop a different quality and resonance depending on the coating equals to max Fischer a search, a creative process and a struggle containing joyful, but also destructive and painful features. He himself says “the process is the journey and the journey is the process”. By coating existing surfaces over and over again the artist is in constant dialogue with his artwork, the ground and the material used-and with his own personality. A direct and emotional relationship emerges between artist and color, a complex web of relations among the individual layers and segments of the painting. Depending on the duration of the painting process – sometimes it may take several years – there can be so many layers of paint that the final work becomes a relief-like, solid, three-dimensional picture.

In the last ten years Max Fishers paintings have achieved a new buoyancy employing a clear, progressively more vibrant and sharply contrasting range of colors.

In the softly colored pictures light color tones are dominant such as airy blue, delicate green, pastel shades of yellow and rosé applied in the final layer. They communicate tranquility and serenity, and yet the vitality of strong colors underneath is revealed, even though the viewer can only imagine it sometimes. Even if the painting has no motif the colors and the seemingly organic structures recall the freshness of nature, the wind, the ocean, a garden in some pictures. The garden of Claude Monet in Giverney springs to mind. That seems obvious, because he became a forerunner and model of the informal artists – mostly due to his water-lily paintings.

Again and again Max Fischer finds his inspiration in foreign countries, in the myths and signs of the past and bygone civilizations. Visits to Egypt and Crete motivated him to paint several series of pictures, the light and the bright colors of the South inspired him.

In other sets of paintings the artist works with rich sensuous colors such as pink, bright green, orange and red and to some extent with extreme color contrasts. They fascinate individually or in concert because over all the canvases one dominant color transforms into another. Transitions of intensive fields of color adjacent to nearly white areas to pastel shades – created by mixing colors with the help of a spatula- materialize. The effects are loose associations like an “informal diptych or triptych”.

Other paintings also feature an intensive symphony of colors, where the final and at the same time opening layer acts as a geometric web. It allows a view onto the larger parts of the vibrant, warm fields and patches of colors underneath and stabilizes the picture. The top color coat, generally quite bright, overlays as a defining structure the colorful sensations shining through, open windows into a virtual depth of the painting.

These are Fischer´s “structural” artworks in contrast to those characterized by a dynamic, gestural style of brushwork. Here the bright/dark contrast become stronger and the primary colors red, blue and yellow besides black become ever more significant.

Fischer´s pictures let us sense the dark and/or the bright side of life. He is opening windows into our soul while remaining a mystery. The images draw on memory and consciousness, on a cursory glance, on a detail, on a by-gone era. They are many-layered self- expressions of the painter and as such cannot be understood instantly in spite of their appealing aesthetics recognizable at first sight. They reveal their painterly complexity and their significance only to a viewer who is prepared to constantly discover new details and let them work their magic.

The artist himself is a wanderer, an explorer who leaves his point of origin but time and again pauses to look back, taking up old projects and modifying them into new endeavors, analyzing, developing and transforming. The philosopher Arthur Schopenhauer whom Fischer studied intensely wrote: “In each artwork all artworks are represented perfectly at all times.”

The phrase applies to the works of Max Fischer, because the pursuit of profound knowledge, the metaphysical is the momentum driving his work.

Dr. Beate Marks-Hansen,
Art Historien, independent curator and art mediator

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